Jeder und jede hat einen oder mehrere. Und zwar ohne gefragt worden zu sein, ob er ok ist und zu einem passt. Man hat ihn bekommen und er gehört zu einem, er ist Teil der Identität, ob er gefällt oder nicht – eingetragen in der Identitätskarte und im Reisepass. Er steht auf der Wohnadresse, auf Briefen, Rechnungen, Zeugnissen, Verträgen, Geburts- und Heiratsurkunde etc.
In einer Zeit, in der individuelle Entscheidungen so viel bedeuten, in der wir glauben, über unser Aussehen (Haarfarbe, Figur, …), Ausbildungen, Ferien, Partner:in, Geschäftsbeziehungen, Wohnsituation, Familienplanung, Ernährung, Fitness, Freizeit und anderes entscheiden zu können, müssen wir den Namen einfach hinnehmen (zumindest ist es ziemlich aufwändig, den Familiennamen zu wechseln – das wäre aber noch eine andere Geschichte). Wir können nichts dafür, dass wir zum Beispiel Heidi, Fritz, Sandra, Salvatore, Maria oder Karl heissen oder, falls nach 2000 geboren, Emma, Noah, Nora, Boris, Sarah, Amir, Layla oder Luca. Und ebenso wenig können wir dafür, dass wir Meier, Müller, Inderbitzin, Krasniqi, Gashi, Bühlmann, Fuchs, Schwarz oder Weiss heissen. Aber es spricht nichts dagegen, ein wenig darüber nachzudenken.
Bei den Vornamen gibt es solche, die über mehrere Kohorten hinweg häufig sind wie zum Beispiel Paul, Emma, Elias oder Sofia. Und es gibt Vornamen, die in einer bestimmten Kohorte beliebt waren und danach verschwunden sind, wie zum Beispiel Werner, Gertrud, Gottfried, Liselotte, Franz oder Adelheid. Bei der zweiten Gruppe kann man mit einiger Sicherheit annehmen, dass die betreffenden Personen mindestens 55 Jahre alt sind. Warum sich die einen Namen halten, während andere zumindest vorübergehend verschwinden, ist wohl eine Frage des individuellen Geschmacks werdender Eltern und damit des Zeitgeists und der Mode.
Anders liegt der Fall bei den Familiennamen, die einfach weitergegeben werden, von Generation zu Generation, ungeachtet dessen, wie modisch oder ausgefallen oder originell sie klingen. Gemäss Bundesamt für Statistik soll es in der kleinen Schweiz etwa eine halbe Million Familiennamen geben, sofern die verschiedenen Schreibweisen je separat gezählt werden. Viele dieser Namen beziehen sich auf Berufe wie Müller, Beck, Pfister (auch ein Bäcker), Pfaff, Baumann, Weber, Schmid, Schärer, Spörri, Nägeli, Iseli (Eisenhändler), Schneider, Schuster, Weber, Zimmermann, Kaufmann, Fischer, Schreiber, Koch, Guldimann (ein Goldschmid), Schenker (arbeitet in einer Schenke), Wirth, Maurer, Bauer, Ackermann, Hofer und Hofmann (Bewirtschafter eines Hofes), Metzger, Senn, Knecht, Salzmann (handelt mit Salz), Sager, Meier (das war ein Verwalter eines Gutsbetriebes im Auftrag des Gutsherrn), Gerber, Koller (stellt Holzkohle her), Holzer, Stocker (gräbt den Wurzelstock aus), Wagner, Schlosser, Spielmann (Musikant), Zehnder (hat den Zehnten eingezogen) etc., andere auf Orts-, Flur- oder Landschaftsnamen wie Bach, Dällenbach, Walder, Steiner, Moser, Wieser, Studer, Zenhäusern, Berger, Brunner, Thalmann, Bühler (wohnt auf einem Hügel), Brönnimann (wohnt wo man brandgerodet hat) wieder andere auf Bäume wie Bucher, Tanner, Linder, Eicher, Escher und wieder andere auf andere Pflanzen oder Pflanzenteile wie Blatter, Ast, Stamm, Zweig, Stiel, Blumer, weitere auf Gebäude und Gebäudeteile wie Hauser, Dach, Keller, Zimmer und weitere auf Jahreszeiten (Sommer, Lenz, Winter, Herbst). Es gibt auch Namen, die sich an Farben (Schwarz, Weiss, Roth, Braun) oder Tieren (Wolf, Fuchs, Vogel, Fisch, Bär, Adler, Schaaf) orientieren. Interessant sind ausserdem Namen, die sich auf Körper- oder Charaktereigenschaften oder das Alter beziehen wie Gross, Klein, Jung, Altherr, Witzig, Schnell und Kraft.
Das Webseitenportal der schweizerischen Familiennamenforschung (familiennamen.ch) gibt Auskunft darüber, wir häufig ein Familienname in der Schweiz vorkommt, in welcher Region er besonders verbreitet ist, seit wann er vorkommt, ob er allenfalls irgendwo „alteingesessen“ ist und wie er etymologisch zu deuten ist. Wenig überraschend kann man dort nachlesen, dass Müller in der deutschsprachigen Schweiz am häufigsten ist, gefolgt von Meier, Schmid, Keller, Weber, Huber, Schneider und Steiner (in dieser Reihenfolge).
Unsere Familiennamen stammen aus dem Mittelalter und zeugen vom damaligen Leben und Denken. Viele der in den Namen enthaltenen Berufe gibt es schon lange nicht mehr. Die Namen zeugen auch von der streng patriarchalen mittelalterlichen Gesellschaft: mit dem Mann als Hausvorstand, der über die Belange der Familie bestimmen konnte. So gibt es Lieberherr, Ackermann, Bachmann, Wyssmann, Hoffmann, Kaufmann, Steinmann etc. etc. – eine Steinfrau, Kauffrau oder Wyssfrau zum Beispiel gab und gibt es jedoch nicht. Die Namen wurden patrilinear weitergegeben. Steinmanns Sohn war wieder ein Steinmann – und die Tochter eine Steinmann… Unabhängige Frauen haben gefährlich gelebt. Femizide waren häufig (und sind es leider heute noch), nicht selten auch in Form von Gerichtsmorden, nach durch Folter erzwungenen Geständnissen, wie zum Beispiel bei Anna Göldi. Nicht eine Zeit jedenfalls, in der ich hätte leben wollen – meine Vorfahren aber mussten.
Man erfährt auf der erwähnten Webseite spannende etymologische Hypothesen zu Namen wie Kaiser, König, Graf oder Fürst: Sie könnten von einer Rolle stammen, die eine Person im Mittelalter in einem Volksschauspiel übernommen hat.
Auch die Interpretation meines eigenen Familiennamens (Wicki) geht in diese Richtung: Der Name könnte vom mittelhochdeutschen Verb wicken (= tanzen, hüpfen) hergeleitet sein, meint die Webseite. Mein Namensgründer könnte also jemand gewesen sein, der gerne und oft getanzt hat. Oder er hat im Volksschauspiel getanzt. Er war Statist, obwohl er gerne als Graf aufgetreten wäre…
8.6.2025
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