„Ich bin auf dem Hund“, sagen wir, wenn wir sehr müde sind. Als Sauhund wird eine Person bezeichnet, die schmutzige Dinge gesagt oder getan oder einen arglistig über den Tisch gezogen oder einfach masslos geärgert hat. Hundstage sind die unerträglich heissen Sommertage. Hundewetter hingegen ist anhaltend schlechtes Wetter, also Dauerregen. Diese Beispiele zeigen, dass die Hundemetapher auf etwas Schlechtes, Unpässliches, Unerfreuliches hinweist. Das überrascht insofern, als Hunde gegenwärtig ziemlich beliebt sind und es früher schon waren. Aktuell leben zirka 560‘000 Hunde in der Schweiz (nur noch Katzen sind beliebtere Haustiere – es sind 1.5 Millionen, aber das nur nebenbei). Auf jede sechzehnte Person kommt in der Schweiz ein Hund (und auf jede sechste Person eine Katze, das aber wiederum nur nebenbei).
Wir haben ebenfalls einen, ich kann also aus eigener Erfahrung schöpfen (und ja, eine Katze haben wir auch noch). Aus reicher Erfahrung, denn unser Hund ist schon 13 Jahre alt und ich bin seit meiner Pensionierung derjenige, der ihn meistens spazieren führt. Damit er das tun kann, was unsereiner auf der Toilette erledigt (im Gegensatz zur Katze, die das bekanntlich selbständig zustande bringt, wenn auch zu deren Leidwesen oft im Garten der Nachbarn).
Mit dem Hund unterwegs zu sein, beeinflusst mein Sozialleben. Unfreiwillig. Ich bin nie derjenige, der andere Hundehalter:innen anspricht, immer ist es umgekehrt: Ich bin der Angesprochene, also derjenige, der auf die Komplimente, die dem Hund gelten, irgendwie reagieren muss. Meist versuche ich die Konversation zu kurz wie möglich zu halten und antworte ungefähr so: „Ja, danke, mir gefällt er auch.“ Aber meist folgt sofort die nächste, unter Hundehalter:innen zwangsläufige Frage: Die Leute wollen wissen, welcher Rasse unser Hund angehört. Und ich muss dann wohl oder übel erläutern, welche verschiedenen Rassen in unserem Hund zusammengekommen sind und ihn zu dem Prachtexemplar gemacht haben, das er darstellt.
Allerdings sind nicht alle Gespräche, die so oder ähnlich zustande kommen, oberflächlich und im Grunde überflüssig. Vor ein paar Monaten lernte ich, als ich im Berner Jura an einem Bahnhof mit dem Hund auf den Zug wartete, einen Mann kennen, der mir, nachdem er die üblichen Fragen gestellt hatte, erzählte, dass er unter Parkinson leide und sich nachts nicht bewegen könne im Bett. Er würde genauso, wie er hingelegt worden sei, die ganze Nacht liegen bleiben. Oder dass er seine Jacke nicht selbst zumachen könne. Sprechen ginge noch. Meistens, aber auch nicht immer. Er war jünger als ich.
Gestern begegnete ich einer 90-Jährigen. Auf den Rollator gestützt kam sie sehr schnell zur Sache und meinte, man könne den Menschen nicht vertrauen, den Hunden aber schon. Sie habe früher Schäferhunde gehabt. Und erzählte, dass sie seit 30 Jahren allein lebe. Sie steige täglich die Treppen hoch in ihre eigene Wohnung. Im Kopf sei sie auch noch gut beieinander. Auf ihre entsprechende Frage hatte ich nichts dagegen, dass sie den Hund streichelte und beobachtete leicht irritiert, wie die 90-Jährige unseren Hund mehrfach auf die Schnauze küsste.
Der Frauenverachter Schopenhauer besass einen Pudel, mit dem er oft spazieren ging. Hitler soll seine Schäferhündin Blondi sehr geliebt haben und hatte sie meist in seiner Nähe. Auch Lenin und Stalin waren dem Vernehmen nach Hundeliebhaber. Chruschtschow hatte einen Chihuahua – ein Geschenk von Fidel Castro und einen Pudel – ein Geschenk der Königin von England. In Rom gibt es einen Tierfriedhof, auf dem das Haushuhn Mussolinis begraben wurde. Der Duce war im Übrigen wie Bismarck ein Doggenliebhaber. Diese Tatsache berührt mich besonders unangenehm, denn in meiner Kindheit hatten wir ausgerechnet eine Deutsche Dogge.
Eines ist klar: Die Hunde können nichts dafür, dass die Menschen sie lieben, züchten, dressieren, abrichten, mit auf die Jagd nehmen. Und auch nichts für die metaphorische Verunglimpfung. Sie sind sehr soziale Wesen und treue, ergebene Begleiter des Menschen.
24.4.2025
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