Seit über 10 Jahren haben wir einen Hund und ich gehe morgens mit ihm durch das Quartier. Unterwegs zum nächsten Wald. Seit meiner Pensionierung fast täglich, da ich jetzt unendlich viel Zeit habe für so etwas.
Einmal pro Woche präsentiert sich mein Quartier so: Überall liegen gelbe Plastiksäcke auf dem Gehsteig und an Hausecken, die von den Quartierbewohner:innen schon am Vorabend oder frühmorgens bereitgestellt worden sind, damit sie von der Kehrrichtabfuhr mitgenommen werden können.
In der Schweiz ist das nichts Besonderes, jede:r kennt dieses Bild. Da die deutschsprachigen Kantone der Schweiz vor Jahrzehnten sogenannte Sackgebühren eingeführt haben, muss der Müll in Gebührensäcken verstaut und vor das Haus gestellt werden. Und diese Säcke kann man nur in bestimmten Läden kaufen. In Olten sind sie im Moment gelb. Andere Säcke nimmt die Abfuhr nicht mit.
Der 17-Liter-Sack kostet in Olten einen Franken, der 35-Liter-Sack 1.90, der 60-Liter-Sack 3.20 und der 110-Liter-Sack 5.70. Stand 2025. Das Prinzip ist einfach: Wer viel Abfall produziert, zahlt mehr als jemand, der oder die wenig produziert. Klassisches Verursacherprinzip, auch wenn das mit dem Mengenrabatt leicht untergraben wird. Zur Sackgebühr hinzu kommt in Olten die verursacherunabhängige Grundgebühr pro Haushalt. Das sind 42 Franken. Auch Stand 2025.
Nun zurück zu meinem Gang durch das Quartier. Schon lange fällt mir Folgendes auf: Die bereitgestellten Säcke haben zwar alle die gleiche Farbe, aber sie sind nicht gleich voll. Es gibt Säcke, die nur lose gefüllt sind, man könnte leicht noch mehr Müll reintun. Und es gibt Säcke, die derart vollgestopft sind, dass der Sack an einzelnen Stellen dem Druck nicht standgehalten hat und deshalb mit Klebeband geflickt werden musste. Es gibt auch Säcke, die nicht mehr mit der dafür vorgesehenen Lasche verschlossen wurden und sozusagen einen Überbau aus weiterem Abfall aufweisen, der auf dem Gebührensack angeklebt oder angebunden ist. Recht kunstvolle Erweiterungen! Die Leute, die die Säcke auf diese Weise vollstopfen, nenne ich Kehrichtpresser:innen, eine Spezies, die sich in den letzten Jahrzehnten in der deutschsprachigen Schweiz entwickeln konnte.
Als pensionierter Sozialwissenschaftler möchte ich nun ein paar Überlegungen dazu anstellen, in der Hoffnung, zum besseren Verständnis des zeitgeschichtlich neuen Phänomens beizutragen.
Offensichtlich wollen die Kehrichtpresser:innen sparen. Wenn zum Beispiel jemand, sagen wir, in einer Woche 50 Liter Abfall hat, so könnte diese Person dafür einen 35-Liter-Sack und einen 17-Liter-Sack verwenden. Das kostet dann 2.90 (1.90 plus 1.00). Problem: einer der beiden Säcke ist nicht komplett gefüllt (35 plus 17 gibt 52 Liter). Das Geld (1 Franken) für den 17-Liter-Sack kann gespart werden, wenn der ganze Müll, die 50 Liter, in den 35er Sack gepresst wird! Einen Franken gespart in dieser Woche und hochgerechnet auf das ganze Jahr: gut 50 Franken!
Natürlich könnten diese Leute auch in Unverpackt-Läden einkaufen und damit nicht nur Geld sparen, sondern auch etwas für die Umwelt tun, weil weniger Abfall verbrannt werden muss. Aber kommen sie auf diese Idee?
Zur Verteidigung der Kehrichtpresser:innen aber noch dies: Sie sind KEINE Waldrandentsorger:innen, die ihren ganzen Müll im Grünen deponieren und damit die verbrauchsabhängigen Gebühren zu 100 Prozent umgehen! Nein, sie stellen sich dem Problem, sie kämpfen, sie pressen den Müll und stopfen davon so viel in den Sack, wie irgendwie möglich.
2.4.2025
Kommentar verfassen