Die technischen Errungenschaften der letzten 50 Jahre sind zweifelsohne eindrücklich. Als Boomer wuchs ich mit dem technischen Stand der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts auf und hatte damals durchaus das Gefühl, die mich umgebende Technik sei schon ziemlich ausgereift. Die Haushalte wurden gerade mit allerlei Elektrogeräten vollgestopft: Mixer, Grill, Kaffeemaschine, Geschirrspüler, Kassettenrekorder, Fernseher etc. etc.
Auch wenn vieles davon brauchbar war und immer noch ist (zum Beispiel die Kaffeemaschine), so gibt es natürlich auch Erfindungen, die man besser nicht erfunden hätte, wie zum Beispiel die Atomenergie (dazu kein weiterer Kommentar) oder die automatische Türschliessung in den SBB-Zügen. Erst kürzlich habe ich im Bahnhof Bern wieder einmal einen Zug beobachtet, dessen Türen nicht aufgingen resp. blockiert waren. Der Intercity von Genf nach St. Gallen hätte in einer Minute abfahren sollen, aber noch war niemand ausgestiegen und einsteigen konnte natürlich auch niemand. Vor der Einführung der automatischen Türschliessung liessen sich die Türen der Züge IMMER öffnen – einfach mechanisch und ohne besondere Anstrengung.
Im Folgenden geht es mir um eine Erfindung zur Herstellung von Kopien, die heute in Vergessenheit geraten ist: den Matrizendrucker, auch unter dem Namen Spiritusdrucker bekannt. Dieses Gerät wurde vor hundert Jahren von Wilhelm Ritzerfeld erfunden und schon bald in Europa und den USA industriell hergestellt. Es bestand im Wesentlichen aus einer Trommel, die mittels Kurbel von Hand gedreht wurde. Auf der Trommel hatte man die zuvor beschriebene Matrize zu befestigen, die dann mit jeder Umdrehung ihre (meist blaue) Farbe an ein leeres Papier, das der Apparat einzog, abgab. Die Funktionsweise des Matrizendruckers war damit ähnlich wie diejenige des heute noch verwendeten Kohlepapiers. Mit einer Matrize konnte man etwa 100 Kopien herstellen, dann war die Farbe abgetragen und man musste (von Hand oder mit der Schreibmaschine) eine neue produzieren.
Ich habe als junger Primarlehrer in den 1970er Jahren eine Vielzahl solcher Matrizen hergestellt und Klassensätze für meine Schülerinnen und Schüler gedruckt. So zeichnete ich zum Beispiel eine Löwenzahnblüte (auf eine Matrize), deren Teile meine Schülerinnen und Schüler auf der nach Spiritus riechenden Kopie beschriften sollten. Oder ich schrieb Lückentexte, die zu ergänzen waren. Oder Matheprüfungen. Tippfehler konnte ich auf der Matrize mittels Rasierklinge eliminieren. Das Unterrichten hatte dadurch etwas Handwerkliches. Am Feierabend waren meine Finger manchmal blau.
Mit dem Aufkommen der Fotokopiergeräte in den 1980er Jahren verschwanden die Matrizendrucker komplett aus den Schulen (und aus den Büros). Die neuen Geräte ermöglichen bekanntlich die Herstellung einer fast unbeschränkten Menge an Kopien, ohne dass dafür eine Matrize notwendig wäre. Wahrscheinlich hat dem Matrizendrucker niemand eine Träne nachgeweint. Die Unterrichtsvorbereitung geht seither leichter vonstatten, immer vorausgesetzt der Strom fällt nicht aus. Wie kürzlich in Spanien und Portugal. Da ging dann gar nichts mehr.
Hätte der Ausfall länger gedauert, wer weiss, ob nicht eine Lehrperson auf die Idee gekommen wäre, den Matrizendrucker aus dem Keller zu hervorzuholen?
25.5.2025
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