Im Quartier, in dem wir seit knapp zwei Jahren wohnen, gibt es eine Tankstelle, an der ich mit unserem Hund fast jeden Tag vorbeigehe. Auf dem Weg zum nächsten Wald, wo der Hund sein Geschäft erledigen kann. Die Tankstelle gehört zu einer Garage, die auf das Abschleppen teurer Autos, die bei einer Karambolage einen Blechschaden davongetragen haben, spezialisiert zu sein scheint. Ab und an steht dort ein BMW, dann wieder ein Mercedes mit eingebeultem Kotflügel und zersplitterten Scheinwerfern oder mit kaputter Stossstange oder eingeschlagener Windschutzscheibe und so weiter. Für mich ein erfreulicher Anblick, denn es befriedigt meine tiefe und bereits jahrzehntealte Abneigung gegen Motorfahrzeuge im Allgemeinen und Luxuskarossen im Besonderen. Der Anblick der demolierten Autos, muss ich zugeben, erfüllt mich immer wieder mit einer gewissen Schadenfreude.
Nun aber zurück zur Tankstelle: Mit nur zwei Zapfsäulen, eine für bleifreies Benzin und einer für Diesel ist sie klein und unscheinbar. Mit Selbstbedienung ohne Service und ohne Laden, in dem noch auf den letzten Drücker, wenn alle anderen Läden schon geschlossen haben, ein paar Lebensmittel erhältlich wären. Trotzdem: Wann immer ich vorbeigehe, sehe ich gerade einen Kunden oder eine Kundin, der oder die am Tanken ist. Und meist ist dahinter noch jemand, in einer Karre am Warten, um anschliessend zu tanken. Und nicht selten dahinter noch jemand, ebenfalls am Warten, obwohl für drei Autos gar nicht genug Platz zur Verfügung steht. So müssen dann Spaziergänger wie ich irgendwie an diesen Autos, die die Quartierstrasse zusperren, vorbeikommen.
Natürlich habe ich mich bald gefragt, warum diese Tankstelle so beliebt ist. Die Antwort liegt auf der Hand respektive im Geldbeutel. Das Benzin ist billiger als bei der Konkurrenz! Fünf oder mehr Rappen Differenz auf den Liter! Wenn also jemand 40 Liter tankt, so macht das 2 Franken. Das hat mich zu ein paar Rechnereien verführt. Nehmen wir zum Beispiel jemanden, der oder die mit dem Mercedes jeden Tag von Olten nach Zürich zur Arbeit und zurückfährt. In fünf Tagen macht diese Person 5 mal 150 Kilometer, das sind dann 750 Kilometer. Ein Mercedes Sprinter, für viele ein tolles Auto, für mich nicht, verbraucht auf 100 km etwa 10 Liter Benzin. Auf die Arbeitswoche gesehen sind das dann 75 Liter (7.5 mal 10). Schlussfolgerung: Die billigtankende Person in unserem fiktiven Beispiel kann pro Woche fast 4 Franken sparen… Bei den Löhnen, die in Zürich verdient werden, eigentlich Peanuts, finde ich. Es kann also nicht nur der Preis sein. Was dann? Für mich als pensioniertem Sozialwissenschaftler eine reizvolle Frage.
Wer sind die Billigtanker:innen, welche Autos fahren sie und aus welchem Kanton sind sie? Ich beobachte als Spaziergänger so unauffällig wie möglich, was dank unserem Hund nicht schwer ist. Alle denken über mich, dass der arme Kerl trotz Regen und Kälte oder trotz dichtem Nebel, den wir hier fast den ganzen Winter haben oder trotz der drückenden Hitze, die dank dem Klimawandel immer häufiger herrscht, mit seinem Hund Gassi gehen muss. Ich blicke nur kurz zur Tankstelle, sehe die Leute in oder bei ihren Autos und nehme ihr Aussehen, ihre Kleidung und die Kantonsabkürzung auf dem Nummernschild zur Kenntnis. Weil ich meist nachmittags zwischen 3 und 4 zweimal an der Tankstelle vorbeigehe, also auf dem Weg zum nächstgelegenen Wald und nachher nochmals auf dem Rückweg, ist es möglich, dass meine Beobachtungen noch durch weitere Zeitfenster ergänzt und besser abgestützt werden müssten.
Aber scheiss drauf, ist mir egal, mir genügt, was ich bisher gesehen habe: Die Leute sind sehr unterschiedlich alt, die Mehrheit irgendwo zwischen 30 und 70. 90-jährige fehlen fast gänzlich. Die Autos kommen meist aus unserem Kanton, nicht selten aber auch aus dem Aargau, der doch einige Kilometer entfernt ist. Bei den Aargauer:innen schaue ich immer besonders genau, denn das, was sie bei dieser Tankstelle sparen, geben sie für den Umweg aus, der notwendig war, um her zu kommen. Das ist wie bei den Leuten, die jeden Samstag nach Deutschland fahren, um dort von der billigeren Butter und dem billigeren Fleisch zu profitieren. Egal wie das Fleisch produziert wurde, egal ob die Schweine auf Betonboden aufs engste Zusammengepfercht haben leben müssen und kein Tageslicht zu Gesicht bekommen haben. Egal, dass die Kühe gar nicht gewusst haben, wie eine Weide aussieht, bevor sie in die Fleischfabrik transportiert wurden. Hauptsache günstiger als bei uns. Dass die Leute für die 100 Kilometer lange Fahrt 20 Franken für das Benzin ausgeben und notabene das Klima schädigen, das haben sie wohl kaum in der Rechnung. Sorry, das war jetzt ein kleiner Exkurs zu Einsparungen beim Einkaufen. Zurück zur Tankstelle und meinen Beobachtungen.
Kleinwagen und Geschäftsautos sind eher selten, fette Benzinfresser häufiger, SUV noch häufiger. Die Billigtanker:innen sind einfach gekleidet, unelegant bis geschmacklos, viele wirken etwas ungepflegt, nicht bereit für den Ausgang. Krawattenträger sind selten, ist ja klar, für die spielt der Benzinpreis auch keine Rolle. Die Billigtanker:innen, so mein Verdacht, haben das ganze Geld in die Karre gesteckt, jetzt müssen sie das billigste Benzin tanken, das in der Gegend zu haben ist. Sie müssen eben dort sparen, wo sie sparen können. Auch beim Abfall im Haushalt, indem sie 100 Liter Kehricht in einen 35-Liter Gebührensack pressen. Da lässt sich nämlich pro Woche auch ungefähr 1 Franken sparen. Ich würde wetten, unter den Billigtanker:innen gibt es auch viele Kehrichtpresser:innen. Aber dem nachzugehen, wäre eine andere Beobachtungsstudie.
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